Trendmagazin Nr.4

Reisen für Alle - Barrierefreiheit im Tourismus
© NatKo

Trendmagazin Nr.4

Reisen für Alle - Barrierefreiheit im Tourismus
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Barrierefreiheit ist für viele ein abstrakter Begriff – was sich alles dahinter verbirgt, ist wahrscheinlich den wenigsten bewusst.  Oft fällt uns erst auf, dass etwas nicht barrierefrei ist, wenn wir selbst betroffen sind, etwa weil wir mit gebrochenem Bein oder Kinderwagen vor einer Treppe stehen, im Restaurant unsere Lesebrille vergessen haben oder im Zug die Durchsage nicht richtig verstehen.

Es gibt also auch heute leider noch viele Situationen, in denen wir uns Barrieren gegenübersehen. Dabei gewinnen barrierefreie Lösungen gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels immer mehr an Bedeutung. Denn mit dem Anstieg des Durchschnittalters und der Lebenserwartung steigt auch der Anteil der Menschen, die mit Einschränkungen leben, da Beeinträchtigungen im fortgeschrittenen Alter häufiger auftreten können. Es wird daher in Zukunft auch immer mehr Menschen geben, die auf barrierefreie bauliche oder technische Angebote angewiesen sind.

Das gilt natürlich auch im Tourismus, denn ältere Menschen sind heute deutlich aktiver und mobiler als sie es noch vor wenigen Jahrzehnten waren. Doch ganz davon abgesehen brauchen nicht nur ältere Menschen barrierefreie Lösungen, auch für andere Gruppen ist Barrierefreiheit unverzichtbar, etwa für Familien mit Kindern, Menschen mit Behinderungen, Menschen, die chronisch krank oder zum Beispiel nach einer Operation vorübergehend eingeschränkt sind, oder ausländische Gäste, die kaum Deutsch verstehen.

Unser Anliegen in Nordrhein-Westfalen ist es, jedem das Reisen durch unser spannendes Land zu ermöglichen, ohne jemanden auszuschließen. Für das aktuelle Trendmagazin haben wir daher viele Anregungen zusammengetragen, wie dies – oft sogar ohne großen Aufwand – gelingen kann.

Geschäftsführerin Tourismus NRW, Dr. Heike Döll-König

Barrierefreiheit – Neue Dringlichkeit in Zeiten des demografischen Wandels

Was bedeutet Barrierefreiheit eigentlich? Theoretisch bedeutet Barrierefreiheit erst einmal, dass ein Angebot für jeden eigenständig und ohne fremde Hilfe nutzbar ist. Doch was sich so einfach anhört, ist in der Umsetzung deutlich komplexer. Denn für jeden Menschen können andere Dinge Barrieren darstellen: Wer auf einen Rollstuhl angewiesen ist, wird nicht durch die schmale Tür ins Restaurant passen. Wer allergisch auf Hausstaubmilben reagiert, wird das kuschelige Hotelbett mit der dicken Daunendecke nicht Wert schätzen können, und wer nicht lesen kann, dem wird die dicke Hotel-Mappe mit den vielen wichtigen Informationen und Ausflugsideen für die Umgebung nicht weiterhelfen.

Eine barrierefreie Umwelt erfordert also Lösungen für ganz unterschiedliche Bedürfnisse. Doch die Auseinandersetzung mit dem Thema lohnt sich. In einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums heißt es treffend:

„Eine barrierefrei zugängliche Umwelt ist für etwa zehn Prozent der Bevölkerung zwingend erforderlich, für etwa 30 bis 40 Prozent notwendig und für 100 Prozent komfortabel.“

Der Bedarf an barrierefreien Angeboten ist also eindeutig gegeben. Vor dem Hintergrund der UN-Behindertenrechtskonvention und dem Ziel der gesellschaftlichen Inklusion ist es sogar dringend geboten, Angebote entsprechend zu gestalten.

Barrierefreier Tourismus birgt immenses wirtschaftliches Potenzial

Für Anbieter besteht jedoch nicht nur die gesetzliche oder zumindest moralische Pflicht zur Inklusion, es lohnt sich auch finanziell, in ein barrierefreies Angebot zu investieren. 2014 ließ die EU die ökonomische Bedeutung und Reisemuster im barrierefreien Tourismus in Europa untersuchen. Das Ergebnis der Studie: Der Ausbau an barrierefreien Angeboten könnte in Europa zusätzliche Milliardeneinnahmen generieren und Millionen neuer Arbeitsplätze schaffen. Voraussetzung wäre allerdings, dass nicht nur physische Barrieren abgebaut, sondern auch Service und Informationspolitik verbessert werden.

Der Studie zufolge sorgten allein ältere Gäste und Menschen mit Behinderung aus den EU-Mitgliedsstaaten mit ihren Reisen für einen Gesamtumsatz von rund 786 Milliarden Euro jährlich. Dazu kommen noch einmal 34 Milliarden Euro, die durch behinderte Menschen und ältere Gäste aus den elf wichtigsten Nicht-EU-Quellmärkten generiert werden. Dadurch ergibt sich eine Gesamtsumme von 830 Milliarden Euro.

Das Potenzial liegt laut Studie jedoch noch weit höher. So könnten sich nach Berechnungen der Untersucher bei einer günstigen Entwicklung 2020 Einnahmen in Höhe von über 1,1 Billionen Euro erzielen lassen. Umgerechnet auf Arbeitsplätze würde dies einen Anstieg von 9,24 Millionen im Jahr 2014 auf 13 Millionen 2020 bedeuten.

Ältere Menschen als attraktive Zielgruppe

Gerade der demografische Wandel dürfte die Nachfrage nach passenden Angeboten weiter steigen lassen. Laut GfK TravelScope 2004 – 2009 erhöhte sich allein im Untersuchungszeitraum der Anteil der Reisenden über 60 Jahre an der Gesamtzahl der Reisenden von 22,3 auf 23,5 Prozent. Beim Umsatz zeigt sich zudem, wie kaufkräftig gerade die Gruppe der älteren Reisenden ist: Ihr Anteil am generierten Umsatz stieg im gleichen Zeitraum von 27,2 auf 28,8 Prozent, bei Deutschlandreisen sogar von 31,8 auf 33,5 Prozent. Dies lag vor allem auch daran, dass Jüngere eher Kurzreisen in Deutschland unternehmen, während bei den Älteren lange Reisen mit 52 Prozent in der Überzahl waren.

 

Probleme in der Kommunikation

Angesichts der sich abzeichnenden weiter steigenden Nachfrage nach barrierefreien Angeboten in Deutschland ergeben sich zwei Folgerungen: Zum einen bedeutet dies, dass entsprechende Angebote geschaffen werden müssen, zum anderen aber auch, dass entsprechende Angebote kommuniziert werden müssen. Dies ist bislang oft nicht der Fall. So gaben etwa bei einer Umfrage des Cologne Convention Bureau und des Europäischen Instituts für Tagungswirtschaft 2015 rund 74 Prozent der Betriebe an, teilweise barrierefrei zu sein. Weitere 17 Prozent waren nach eigener Auskunft sogar vollständig barrierefrei. Auf der eigenen Internetseite informierten jedoch nur gut 36 Prozent über ihr barrierefreies Angebot.

Ähnliches gilt für Betriebe, die sich nach dem deutschlandweit einheitlichen „Reisen für Alle“-System haben prüfen lassen. Auch hier nutzen viele die Ergebnisse nicht, um ihre Gäste über ihre barrierefreien Angebote zu informieren.

Gerade ältere Gäste und Gäste mit Behinderung benötigen vor ihren Reisen jedoch Planungssicherheit. Wer ihnen also die notwendigen Informationen zur Verfügung stellt, verschafft sich durch den geleisteten Informationskomfort einen Wettbewerbsvorteil.

Diese These wird auch von der bereits erwähnten EU-Studie gestützt. Den hierfür Befragten ist es nicht nur wichtig, Barrieren vor Ort abzubauen, sondern auch, sich bereits vor der Reise über barrierefreie Zugänglichkeiten informieren zu können.

Zertifizierung nach Reisen für Alle © Römer-Lippe-Route, Dennis Stratmann

Ganzheitliche Strategien gefordert

Genauso wichtig ist es, ineinandergreifende barrierefrei Angebote zu schaffen. Denn kein Gast wird während seiner Reise nur die Angebote seines barrierefreien Hotelzimmers nutzen, sondern auch Ausflüge in die Umgebung machen wollen. Dies bedeutet, dass die gesamte Servicekette barrierefrei gestaltet werden sollte, von der Anreise über die Unterkunft bis zu Freizeitaktivitäten.

Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sollten dabei vor allem auch barrierefreie Wanderwege und Radangebote geschaffen werden. Denn laut GfK TravelScope 2008/09 ist es älteren Reisenden besonders wichtig, sich von Landschaften und der Natur beeindrucken zu lassen, sodass hier entsprechende Angebote benötigt werden. Hierbei wie auch bei allen anderen barrierefreien Angeboten gilt natürlich: Sie sind nicht nur für Touristen, sondern auch für die Einheimische nützlich und komfortabel – gerade in Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland, gibt es somit auch bereits ohne Touristen eine große Nachfrage.

Lösung für Alle statt Spezialangebot

Dass barrierefreie Angebote nicht nur für Nutzer, sondern auch für die Betriebe selbst einen Mehrwert bringen, haben viele Unternehmen und Einrichtungen inzwischen erkannt und entsprechende Angebote entwickelt. Bislang wurden oft jedoch Sonderlösungen für mobilitäts- oder aktivitätseingeschränkte Menschen geschaffen. Das Kompetenznetzwerk Design für Alle macht sich hingegen für eine andere Herangehensweise stark: Es setzt sich für einen nicht-stigmatisierenden Barrierefrei-Ansatz ein, der mit Komfort und Attraktivität für alle verbunden wird. Sein Ziel ist es, Barrierefreiheit, Nutzbarkeit und Erlebbarkeit für möglichst alle Menschen zu erreichen, ohne Nutzer durch Speziallösungen auszugrenzen.

Ein Beispiel für diesen Ansatz sind Rampen, die nicht nur mit dem Rollstuhl, sondern auch mit Rollatoren, Kinderwagen, Gehstock, Rollkoffer oder Fahrrad genutzt werden können. Ebenfalls komfortabel für alle sind niedrigflorige Teppiche und rutschfeste Bodenbeläge. Sie helfen, Stürze zu vermeiden, und ermöglichen ein gutes Vorankommen mit Rollstuhl, Koffer oder Kinderwagen. Ganz nebenbei sind sie auch noch robuster und leichter zu reinigen. Nach dem Prinzip des Designs für alle wäre es zudem wünschenswert, beispielsweise zur Standardführung bei Bedarf einen Gebärdensprachdolmetscher hinzuzuziehen, anstatt eine eigene Führung in Gebärdensprache anzubieten.

Der Ansatz des Kompetenznetzwerks bedeutet auch, dass bei der Bewerbung barrierefreier Angebote nicht die Barrierefreiheit an sich im Vordergrund steht, sondern wie überall das Angebot selbst, das allen Lust auf einen Besuch macht. Informationen zur Barrierefreiheit sollten lediglich als besonderer Servicehinweise gesehen werden. Dies ist nicht nur vor dem Hintergrund der Inklusion geboten. Es steht auch fest:

 

Barrierefreiheit allein ist kein Reiseanlass. Sie ist lediglich ein Qualitätsmerkmal, das den Ausschlag für ein bestimmtes Hotel, eine bestimmte Freizeiteinrichtung oder ein bestimmtes Restaurant geben kann.

Barrierefrei durch NRW: Reisen für Alle

Seit 2014 hat Tourismus NRW das Thema Barrierefreiheit verstärkt in den Fokus gerückt. In einem Anschubprojekt schulte der Verband zahlreiche Beschäftigte aus touristischen Betrieben und unterstützte die Unternehmen bei der Zertifizierung ihrer barrierefreien Angebote. Dafür schloss sich der Verband dem deutschlandweiten Zertifizierungsprojekt „Reisen für Alle“ an, welches vom Deutschen Seminar für Tourismus (DSFT) und Tourismus für Alle Deutschland (NatKo) entwickelt wurde. Die Zertifizierungen dieses Systems beruhen nicht auf Selbsteinschätzungen, sondern auf festgelegten Standards, sodass sich Nutzer auf die erhobenen Informationen zur Barrierefreiheit verlassen können. Im Mai 2018 waren rund 1.800 Betriebe bundesweit nach dem System zertifiziert, in NRW waren es rund 120.

Die in NRW geprüften Betriebe werden auf der Internetseite www.barrierefreies-nrw.de dargestellt – zum einen gebündelt, zum anderen aber auch mit besonderer Kennzeichnung innerhalb der unterschiedlichen Rubriken wie Kultur oder Natur. Zu jedem Betrieb finden sich dabei Informationen, mit Blick auf welche Bedürfnisse der jeweilige Betrieb geprüft wurde, etwa für sehbehinderte Menschen oder Rollstuhlfahrer, sowie die ausführlichen Ergebnisse dieser Prüfungen. Einen deutschlandweiten Überblick über geprüfte Betriebe liefert die Internetseite www.reisen-fuer-alle.de.

Inzwischen wird das Barrierefrei-Projekt von Tourismus NRW als Kernaufgabe des Verbands fortgeführt und in unterschiedlichen Bereichen mitgedacht. So gibt es etwa in der landesweiten touristischen Innovationswerkstatt, einem aktuellen EFRE-Projekt, spezielle Schulungen zum Thema Barrierefreiheit. Schon fast vier Jahre alt, aber immer noch aktuell ist der Praktikerleitfaden des Tourismus NRW, der Betrieben Informationen und konkrete Hilfestellungen bei der Entwicklung barrierefreier Angebote gibt.

Barrierefreie Best-Practice-Beispiele aus Nordrhein-Westfalen

Viele Städte, Einrichtungen und andere Anbieter haben inzwischen barrierefreie Angebote geschaffen, sei es durch bauliche Veränderungen etwa in Hotels und Museen, durch einen entsprechend ausgestatteten öffentlichen Personennahverkehr oder durch spezielle Dienstleistungen wie Führungen in Gebärdensprache. Einige besondere Angebote hat Tourismus NRW hier zusammengestellt.

Naturangebote

© Nationalpark Eifel

Nationalpark Eifel

Nordrhein-Westfalens einziger Nationalpark ist ein Paradebeispiel in Bezug auf die Barrierefreiheit und wurde dafür schon mehrfach ausgezeichnet. Alle touristischen Angebote im Nationalpark, wie beispielsweise Kutschfahrten oder Rangerführungen, sind nach „Reisen für Alle“ zertifiziert. Der Natur-Erlebnisraum „Wilder Kermeter“ und der Natur-Erkundungspfad „Wilder Weg“ wurden deutschlandweit als einzige Angebote durch „Reisen für Alle“ mit Bestnoten für alle Zielgruppen ausgezeichnet. Mit seinem Ansatz, an verschiedenen Erlebnisstationen im Wilden Kermeter alle Sinne anzusprechen, sodass sich jeder das Passende raussuchen kann, hat der Nationalpark ein Best-Practice-Beispiel für ein inklusives Angebot geschaffen.

Dominik Ketz, Tourismus NRW e.V.

Panarbora, Waldbröl

Mit dem barrierefreien Baumwipfelpfad hat der Naturerlebnispark Panarbora ein eindrucksvolles Naturerlebnis für Jedermann geschaffen. Highlight ist der rund 40 Meter hohe Aussichtsturm, der ebenfalls barrierefrei zugänglich ist. Unter den unterschiedlichen Übernachtungsmöglichkeiten gibt es auch zwei Zimmer, die für Menschen im Rollstuhl geeignet sind.

© Biologische Station Rieselfelder Münster

Rieselfelder, Münster

Das Vogelschutzgebiet Rieselfelder in Münster hat nicht nur seine Beobachtungspunkte zur problemlosen Nutzung für alle mit Rampen ausgestattet. Als weiteren Service verleiht die Biologische Station nach Absprache auch Rollstuhl oder Rollfiets, eine Art Tandem aus Rollstuhl und Fahrrad.

Städtische Angebote

© Stefanie Kleemann, Dortmund-Agentur, Stadt Dortmund

Dortmund

Im Projekt „Reisen für Alle“ ist Dortmund Vorreiter in NRW. In keiner anderen Stadt im Bundesland wird die bundesweit einheitliche Zertifizierung so stark vorangetrieben wie in der Ruhrgebietsstadt. Inzwischen gibt es rund 30 zertifizierte Angebote, vom Museum über Hotels bis zum Theater oder Restaurant.

© @een_wasbeer

Münster

Die Stadt bietet vielseitige barrierefreie Angebote vom tastbaren Stadtmodell über Gebärdensprachvideos zu den Sehenswürdigkeiten in der Stadt und einem Überblick über Freizeit- und Kulturangebote für gehörlose Menschen bis zum Rollstuhl- und Rollfietsverleih. Darüber hinaus betreibt die Stadt die „Komm-Datenbank“, in der viele Einrichtungen verzeichnet sind, die nach Zugänglichkeit beziehungsweise besonderen Angeboten wie Informationen in leichter Sprache, vorhandenen Behindertenparkplätzen oder Hilfen für hörbehinderte Menschen gefiltert werden können. www.muenster-barrierefrei.de | www.stadt-muenster.de

© Oliver Franke, Tourismus NRW e.V.

Köln

Für eigene Erkundungen durch die Stadt hat Köln den Stadtplan „Köln für alle – Barrierefreie Spaziergänge durch die Altstadt“ aufgelegt. Daneben gibt es spezielle Führungen zum Beispiel in leichter Sprache oder von Gehörlosen für Gehörlose. An der Radstation am Hauptbahnhof können außerdem Elektromobile ausgeliehen werden.

© NatKo

Düsseldorf

Die Landeshauptstadt bietet Führungen für unterschiedliche Bedürfnisse an, zum Beispiel stufenlose Touren sowie Führungen in Gebärdensprache oder in leichter Sprache.

Aktivangebote

© Dennis Stratmann

Römer-Lippe-Route

Der gesamte knapp 500 Kilometer lange Radweg wurde auf Barrierefreiheit untersucht. Die dabei gewonnenen Informationen wurden in eine interaktive Karte integriert, die jedem Gast eine individuelle Reiseplanung entsprechend seinen persönlichen Bedürfnissen und Einschränkungen ermöglicht. Die Römer-Lippe-Route ist damit deutschlandweit der einzige thematische Radweg, der Gästen diese Informationen in gesammelter Form zur Verfügung stellt. Im weiteren Verlauf des EFRE-Förderprojekts „Barrierefreier Radtourismus an der Römer-Lippe-Route“ sollen einzelne Abschnitte der Route zu barrierefreien Etappen entwickelt und ausgewiesen sowie buchbare Pauschalen für Menschen mit Behinderung entwickelt werden.

© Münsterland e.V.

Integrativer Reitweg, Münsterland

Der 22 Kilometer lange Rundweg führt über extra breite Wege, die das Reiten mit Handpferd und das Führen von Pferden ermöglichen, sodass Menschen, die beim Reiten Hilfe benötigen, gemeinsam mit anderen unterwegs sein können. Außerdem verfügt der Weg über barrierefrei ausgestattet Reit- und Raststationen sowie barrierefrei ausgestattete Ferienwohnungen und Ferienhäuser.

© Beachline-Xanten

Surfschule, Xanten

Eine Surfschule am Freizeitzentrum Xantener Nord- und Südsee bietet seine Surf- und Stand-up-Paddling-Kurse seit Jahren explizit auch für Menschen mit Behinderung an – insbesondere für blinde Menschen. Besondere Voraussetzungen hierfür bringt die Surfschule nicht mit, jedoch den Servicegedanken, jedem das Surfen zu ermöglichen.

Kulturangebote

© Niederrhein Tourismus

LVR-Römermuseum, Xanten

Das gesamte Museum im Archäologischen Park Xanten ist barrierefrei gestaltet. Die Exponate im Römermuseum sind so konzipiert, dass sie im Sitzen und Stehen eingesehen und bedient werden können. Außerdem gibt es viele Mitmach-Elemente und Exponate, die angefasst werden können.

© Raimond Spekking

Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln

Viele Museen bieten inzwischen Audio-Guides an, das Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum hat einen Video-Guide konzipiert, in dem ein Dolmetscher in deutscher Gebärdensprache Informationen vermittelt. Der Guide kann über ein Leihgerät des Museums oder per Download auf dem eigenen Smartphone genutzt werden. Auch ein spezieller Kinder-Guide ist verfügbar.

© Pedro Malinowski

Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen

Ausgewählte Stücke werden im Musiktheater im Revier mit Live-Audiodeskription aufgeführt, das bedeutet, dass das Geschehene auf der Bühne mit wenigen Worten für blinde und sehbehinderte Menschen beschrieben wird. Dies geschieht in den Sprechpausen der Schauspieler, um das Stück nicht zu stören. Zuschauer können die live eingesprochenen Beschreibungen per Kopfhörer hören. Außerdem werden für Menschen mit Sehbehinderung Führungen durch das Bühnenbild und das Betasten der Kostüme vor der Vorstellung angeboten. Dazu gibt es Erklärungen der Handlung. Menschen mit Hörbeeinträchtigungen können sich während der Vorstellung in Induktionsschleifen einklinken, um das Stück in der gewünschten Lautstärke zu hören.

Grillo-Theater Essen © Bernadette Grimmenstein

Schauspiel Essen

Zu ausgewählten Inszenierungen und Einführungen sind am Schauspiel Essen Gebärdensprachdolmetscher im Einsatz

Sonstige Angebote

© Tourismus NRW e.V.

Schifffahrt auf dem Rhein

Die Tour „Rheinsinne“ wurde speziell für Menschen mit Sehbehinderung und Blinde konzipiert, ist aber für jeden ein Erlebnis. Ein Gästeführer beschreibt während der Tour Sehenswürdigkeiten und erzählt passende Sagen und Legenden. Um noch einen besseren Eindruck der Gegend zu erhalten, bekommen Gäste zudem die Möglichkeit, Gesteine aus der Region zu befühlen. Ein Riech- und Schmeckerlebnis runden die Fahrt ab: Hierfür werden zunächst unterschiedliche Düfte präsentiert, die man so nicht mit Wein verbinden würde, die dann jedoch bei der anschließenden Weinprobe wiederkehren.

© Hotel Fit

Hotel Fit, Much

Der Name des Integrationsbetriebs, in dem auch Menschen mit Behinderung arbeiten, steht für Freizeit, Integration und Tagung. Neben mehreren barrierefrei gestalteten Zimmern verfügt das Hotel auch über einen stufenlosen Innen- und Außenbereich. Das Besondere ist aber der Hochseilgarten mit barrierefreien Stationen. So gibt es hier unter anderem die bundesweit erste Seilrutsche für Rollstuhlfahrer sowie eine Rollstuhlbrücke in acht Metern Höhe.

© Michael Rasche Dortmund

Hotel Franz, Essen

Das Hotel Franz in Essen zählt wie das Hotel Fit in Much zu den Embrace-Häusern, die alle nach „Reisen für Alle“ zertifiziert sind. Das Konzept der Inklusion ist der Leitgedanke der Häuser. Viele der Mitarbeiter hier haben eine Beeinträchtigung. Darüber hinaus sind zwölf Zimmer mit Angeboten für unterschiedliche Zielgruppen ausgestattet worden.

Blick über den Tellerrand: So machen es andere

Auch außerhalb von NRW gibt es viele Best-Practice-Beispiele. Teilweise sind es sogar nur kleine Angebote, die jedoch eine große Wirkung entfalten können.

Digitale Services

© DZT e.V., Francesco Carovillano

Berlin

Die App „accessBerlin“ führt auf verschiedenen Routen durch die Hauptstadt. Dazu gibt es Informationen über Sehenswürdigkeiten, die für Besucher mit eingeschränkter Mobilität barrierefrei zugänglich sind, sowie zu Aufzügen oder öffentlichen Toiletten. Auch Informationen über Nahverkehrsverbindungen inklusive barrierefreier Wegbeschreibungen finden sich in der Anwendung.

© Deutsche Bahn AG - Lothar Mantel

Deutsche Bahn

Als der größte Mobilitätsanbieter in Deutschland entwickelt die Bahn eine App mit umfangreichen Services für ihre Kunden. Nutzer sollen die Möglichkeit haben, Ansagen oder Durchsagen zu ihrer Reise direkt als Text- oder Sprachnachricht auf ihrem Smartphone zu empfangen.  Auch Informationen über die Funktionsfähigkeit von Aufzügen oder Rolltreppen soll die App „DB Barrierefrei“ enthalten. In einem weiteren Schritt sollen Nutzer über die App beispielsweise auch Hilfsbedarf beim Ein-, Um- und Aussteigen anmelden können.

© Erfurt Tourismus und Marketing GmbH Barbara Neumann

Erfurt

Gehörlose Menschen können in Erfurt auf eigene Faust eine Stadtführung unternehmen und erhalten trotzdem viele Informationen. Möglich macht das ein Videoguide in Gebärdensprache.

© DZT e.V., Francesco Carovillano

Sachsen

Die Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen hat nicht nur eine Broschüre mit barrierefreien Angeboten aufgelegt. Die Informationen selbst sind auch barrierefrei verfügbar, denn sie werden ebenfalls als Hörfassung im sogenannten Daisy-Format angeboten.

© Sozialhelden

Wheelmap

Die Wheelmap ist ein offenes Online-Projekt. Hier kann jeder Einrichtungen nach der Rollstuhlzugänglichkeit beurteilen, sodass auf der großen Karte weltweit schon viele Einrichtungen verzeichnet sind, die für Rollstuhlfahrer problemlos zu erreichen sind beziehungsweise um die Menschen im Rollstuhl lieber einen großen Bogen machen sollten.

Analoge Services

© Rheinland-Pfalz Tourismus

Rheinland Pfalz

Rheinland-Pfalz Tourismus hat seinen Wanderwege-Leitfaden um spezielle Anforderungen für barrierefreie Wanderwege ergänzt. Die knapp 50-seitige Broschüre enthält unter anderem Informationen zu Anforderungen und Voraussetzungen für barrierefreie Wege, zur Ausstattung sowie zu rechtlichen und planerischen Grundlagen.

© DZT e.V., Ryan Edwardson

Magdeburg

Die sachsen-anhaltinische Landeshauptstadt hat einen Stadtführer aufgelegt, der an allen Magdeburger Sehenswürdigkeiten ausliegt und sowohl in Braille-Schrift als auch in besonders großen Buchstaben verfügbar ist.

© Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern, Th.Ulrich

Rostocker Seebäder

Viele Orte an der Nord- und Ostsee verfügen inzwischen über Strandzugänge, die auch mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen gut zu nutzen sind. Das Ostseebad Warnemünde bietet die ganze Servicekette für ein entspanntes Stranderlebnis für mobilitätseingeschränkte Menschen – von barrierefreien Parkplätzen und Toiletten in unmittelbarer Nähe über den barrierefreien Strandzugang bis zum Baderollstuhlverleih.

Sonstige Angebote

Thüringen Tourismus

Die Thüringer Tourismusorganisation hat Tourismus für Alle bereits 2001 als Ziel aufgenommen. Seit 2015 gibt es im Sinne der Inklusion keine eigenen Broschüren mit barrierefreien Unterkünften mehr, sondern eine Broschüre für alle, in der auch Beschreibungen zur Barrierefreiheit enthalten sind. Barrierefreie Produkte und Dienstleistungen sind an entsprechenden Piktogrammen erkennbar. Um die Schaffung barrierefreier Angebote und Lösungen weiter zu fördern, wurde 2016 zudem die Kampagne „Werden Sie KomfortDenker“ gestartet, die zeitgemäße Lösungen für einen Tourismus für alle zeigt.

© jacksenn.com; Bildarchiv Südliche Weinstrasse e. V.

Rheinland-Pfalz

Was das Meer für den Norden Deutschlands ist, ist der Wein für Rheinland-Pfalz – eine Besonderheit, die touristisch vermarktet wird. Weinfeste gehören zur Kultur und um diesen wichtigen Bestandteil des rheinland-pfälzischen Brauchtums für alle zugänglich zu machen, hat die Zentrale für Tourismus Südliche Weinstraße auch Weinfeste auf Barrierefreiheit untersucht. Die Ergebnisse finden sich in einem entsprechenden Katalog sowie im Internet.

© NatKo

Deutscher Museumsbund

Um Museen für alle zugänglich zu machen, hat der Deutsche Museumsbund den Leitfaden „Das inklusive Museum“ aufgelegt. Unter anderem finden sich darin Tipps für einen zielgruppenorientierten Service, zur Konzeption von  Ausstellungen, für das Verfassen und Gestalten von Texten sowie für die Vermittlung.

Kleine Hilfen, einfach umsetzbar

Nicht immer sind große Umbauten oder komplette Neuplanungen nötig, um Barrieren abzubauen. Vieles lässt sich auch ohne großen Aufwand und mit geringen Kosten umsetzen. Voraussetzung ist jedoch ein Bewusstsein und eine Sensibilisierung für Problemfelder und mögliche Lösungen. Wir haben ein paar Ideen zusammengestellt, die jeder umsetzen kann.

Persönlicher Service

  • Mitarbeiter, die ansprechbar sind, und (mit Informationen) weiterhelfen können
  • Gästen zuhören und so Bedarfe erkennen
  • Flexibler, kundenorientierter Service durch gut ausgebildetes Personal, der jeden Kunden als den besten Kunden behandelt, mit besonderer Aufmerksamkeit für Gäste mit besonderen Anforderungen
  • Service durch gemischte Belegschaft, da sie auch unterschiedliche Bedürfnisse selbst kennen
  • Personen- oder Gepäcktransport/Hol- und Lieferservice

Kommunikation

  • Über barrierefreie Angebote informieren, damit der Gast schon vor der Anreise Bescheid weiß
  • Auch über Angebote in der Umgebung sowie über die Anreise informieren, um dem Gast ein komplettes komfortables Urlaubserlebnis zu ermöglichen
  • Informationen auch schriftlich anbieten
  • Deutliche Aussprache
  • Barrierefreie Angebote nicht gesondert, sondern integriert kommunizieren

Design

  • Wegweiser in unterschiedlichen Farben oder mit Symbolen (gut für Kinder, ausländische Gäste, Gäste mit kognitiven Beeinträchtigungen)
  • Wege nicht zustellen (Erleichterung und Sicherheit für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen)
  • Stolperstellen wie einzelne Stufen oder Glastüren gut sichtbar markieren
  • Große, kontrastreiche Schrift beispielsweise auf der Speisekarte, ggf. auch Bilder (insbesondere für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen, ausländische Gäste oder Kinder hilfreich)

Ausstattung

  • Sitzmöglichkeiten in öffentlich zugänglichen Bereichen etwa in Hotel-Lobbys, am besten mit hoher Sitzfläche und Armlehnen, damit das Aufstehen leichter fällt
  • Ausleihbare Lesebrillen
  • Stockhalter an der Rezeption
  • Liste mit Fachärzten
  • Erhöhte Betten

Für eilige Leser: Zusammenfassung in sieben Thesen:

1. Viele unterschiedliche Dinge können Barrieren darstellen.

2. Der demografische Wandel dürfte die Nachfrage nach barrierefreien Angeboten verstärken.

3. Basis für den Abbau von Barrieren ist die Sensibilisierung für Problemfelder und mögliche Lösungen.

4. Viele Barrieren lassen sich ohne großen Aufwand und mit geringen Kosten abbauen.

5. Barrierefreie Angebote sind ein besonderes Qualitätsmerkmal und zahlen sich aus.

6. Ziel muss es sein, die gesamte Servicekette barrierefrei zu gestalten.

7. Nicht nur die Schaffung, auch die Kommunikation barrierefreier Angebote ist wichtig.

© NatKo

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Nächstes Thema

 

Das nächste Trendmagazin wird sich dem Thema Pop-up-Tourismus widmen.

Redaktion dieser Ausgabe:
Tonia Haag
Technische Umsetzung:
Hannah Förster

 

 

 

 

Stand: Juli 2018